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Dienstag, 15. Februar 2011

Verwirrung

 

Schon mal das Gefühl gehabt, du brauchst einen "Plan B" - und dir fällt kein vernünftiger ein? So eine Situation hatte ich heute Nachmittag.

Es war 13.30 Uhr, als ich einen Kunden in der Ortschaft B., nahe Hamburg, bei der Sparkassenfiliale abholen sollte. Kurz darauf bekam ich noch via Handy von der Zentrale den Tipp, mich auf einen wohl etwas "tütteligen" (verwirrten) älteren Herren einzustellen. Das Ziel sei vermutlich nahe Bad Segeberg, also gut 60 km entfernt. Es wäre nicht schlecht sich zu vergewissern, ob der Herr genügend Geld dabei hätte. Offenbar waren mit ihm schon entsprechende Erfahrungen gemacht worden.

In der Sparkasse wartete ein Herr, vielleicht Mitte 70, und dem Aussehen nach ein Sohn oder Neffe von Albert Einstein. Er hob gerade Geld ab, als ich zur Tür herein kam. Der Bankangestellte zählte laut vor, sodaß ich auch mitbekam, wieviel der Gute mindestens bei sich hatte. Dürfte gerade bis Segeberg reichen, dachte ich.

Im Auto erkundigte ich mich nach seinem genauen Ziel.

  • "Wentorf!"

  • "Welches Wentorf? Es gibt mehrere."


Achselzucken.

  • "Bei Bad Segeberg."


Weder mir noch meinem Navi war ein Ort dieses Namens nahe der Festspielstadt bekannt. Herr R. aus B. wusste aber weiter. Er sei heute Morgen mit dem Taxi bereits hierher gefahren, er wüsste, wo´s lang geht.

Das sagen Viele. Aber ich fuhr trotzdem los. Von B. aus quer durch den Sachsenswald, bei Trittau auf die B404, die nach gut 10 km zur A21 Richtung Kiel wird.

  • "Nein, wir müssen nicht auf die Autobahn. Vorher runter. Ich habe heute Morgen 55,- € bezahlt."


Mir ging ein Licht auf. Glaubte ich zumindest. Denn wenn man um den Ausgangsort einen Kreis mit "Radius 55,- €" zieht, kommt eigentlich nur das mir gut bekannte Wentorf bei Sandesneben, westlich von Ratzeburg in Frage. Aber schon bei der nächsten Frage wurde er unsicherer.

  • "Welche Ausfahrt sollen wir nehmen?"

  • "Hmm.., weiß nicht."

  • "Ich lese ihnen die Schilder vor und Sie sagen, ob ihnen der Ort bekannt vorkommt."

  • "Ja, gut."


Es kamen eigentlich nur 2 Ausfahrten in Frage. Die Gegend kenne ich wie meine Brotbox, denn hier in der Nähe wohne ich..--)). Aber beide Ausfahrten sagte ihm nichts. Ich beschloß, die mir passende abzufahren und schlug vor, er solle doch dort in Wentorf sich die Bauernhöfe ansehen, vielleicht erkenne er sie. Er hatte nämlich anfangs erwähnt, er lebe zur Zeit auf einem Bauernhof und helfe dort aus.

In meinem Hinterkopf hämmerte schon seit ein paar Minuten die Frage: "Was mache ich, wenn es das falsche Dorf ist?". Von seinen Angaben her, konnte es nicht weiter sein als dieses "Wentorf".

Die folgenden 30 Minuten will ich kurz umreissen: er erkannte in Wentorf keinen einzigen Bauernhof. Wir fuhren die Hauptstraße 2 x auf und ab. Nichts. Wir klingelten an 2 Türen von Höfen - niemand kannte ihn. Was nun? Es gab nur eine Möglichkeit: die Polizei! In Wentorf, das wusste ich, gibt es einen einsamen Polizeiposten, in einem Privathaus. Hoffentlich war der Dorf-SchuPo Zuhause! Er war es. Ein Mann in den 50ern, langer Schnauzbart (ähnlich dem Seehund "Antje" vom NDR) und Bierbauch. Ich erklärte ihm kurz mein Problem, dann bat er uns beide herein.

Aber auch die Befragung durch den Polizisten ergab nur noch mehr Verwirrung. Der alte Mann war gar nicht per Taxi in den Ort B. bei Hamburg gefahren, sondern angeblich mit einem Traktor (incl. Rüben-Anhänger) zu einer Rübenfabrik und hatte sich von dort nach B. fahren lassen. Die 55,- € - Angabe war also völlig wertlos, wenn nicht sogar falsch. Ich stand buchstäblich am Anfang mit ihm. Zumindest schaffte es der freundliche Polizist, dem Herrn R. seine Privatadresse in Geesthacht, östlich von Hamburg, zu entlocken - über einen Quittung vom Hausarzt..--)). Ausweispapiere führte er nämlich nicht mit. Die Augen der Ordnungshüter rollten gefährlich.

Ich sah nur noch eine Möglichkeit: bevor das schreckliche Kraut, das der Polizist rauchte, mir endgültig die Sinne raubte, entschied ich, Herrn R. zu eben dieser Adresse nach Hause zu fahren. Dort war er wenigstens nicht unbekannt und hatte ein Dach über dem Kopf.

Wir vereinbarten, draußen im Auto, einen Pauschaltarif, der auch die Heimfahrt nach Geesthacht beinhaltete (rechtlich unbedenklich, da wir schon außerhalb meines Pflichtfahrtgebiets waren) und fuhren los.

Gut 45 Minuten später lieferte ich Herrn R. vor seiner Haustür ab. Als dort dann auch verschwand, legte sich langsam die Anspannung und ich hatte das Bedürfnis zu schlafen...--)) Wie müssen sich Leute fühlen, die solche "Problemfälle" wie Herrn B. hauptamtlich betreuen?

Aus dem Schlafen wurde leider nichts. Ich musste weiter nach Büchen zum nächsten Termin. Das versprach jedoch einen entspannte Fahrt zu werden.