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Samstag, 2. Juli 2011

Kleine Erziehungsmaßnahmen

Spätestens seit Ende des Kaiserreichs ist die Zeit von "Herr & Diener" weitestgehend vorbei. Auch was das Taxigewerbe angeht, sofern es dieses ungleiche Verhältnis hier je gab. Es sollte - im Idealfall - ein Geschäftsverhältnis "auf Augenhöhe" sein. Bei manchen Kunden ist diese Weltanschauung offenbar noch nicht angekommen. Für solche Fälle habe ich immer ein paar kleine "Erziehungsmaßnahmen" in petto, wobei man natürlich darauf achten sollte, daß diese nicht als solche deutlich werden, sondern eher als "Denkanstöße" ´rüber kommen.

Am gestrigen Tag durfte ich gleich 2 x in die Denkanstoß-Kiste greifen.

Ein junge Familie, nebst Oma, mit 2 Kindern im noch nicht schulpflichtigen Alter ließ sich von mir im "Vito" zum Flughafen bringen. Das Gepäck war üppig, der Kofferraum bis oben hin gefüllt. Auf der hinterern 3er-Bank nahm "Papa" Platz und laß während der gesamten Fahrt seine Zeitung. In der Mitte hatte man der Oma die Gören, ..äh Kinder, überlassen und vorne saß Mama. Die Abholadresse war "angenehm", 2 große Wagen der oberen Mittelklasse standen im Carport und das Anwesen war von großen Bäumen umgeben. Kurzum, offenbar niveauvolle Kunden, was sich auch während der Fahrt bestätigte.

Am Flughafen organisierte "Mama" die Kofferwagen, Oma hielt die Kinder zusammen, Papa stand dumm ´rum und ich lud die Koffer aus. Kein Ansatz, mir die Koffer auch abzunehmen. Man lässt eben ausladen. Alles kein Problem. Als ich dann die mittlere Sitzbank wieder zurück stellen wollte, sah ich auf den rückwärtigen Sitzen das "Abendblatt", das Papa die ganze Fahrt gelesen und anschließend einfach dort abgelegt hatte. Frei nach dem Motto: "Lesen Sie, wir kümmern uns um den Rest!".

Aber nicht mir mir, dachte ich. Mit einem Griff hatte ich die zerfledderte, gut verteilte Zeitung vom Sitz genommen, faltete sie zusammen (was ich liebend gern auch mit Papa getan hätte..) und wartete eine halbe Sekunde ab. Er drehte sich gerade zu mir um, dann legte ich die Zeitung auf einen seiner Koffer. Demonstrativ und mit Nachdruck, sah ihn dabei aber nicht an. Ich wollte nicht belehrend wirken, sondern nur zeigen, was ich von seinem Verhalten halte. Es wirkte. Seine Frau kam mit 2(!) Kofferwagen gleichzeitig an (offensichtlich praktisch veranlagt und patent), er hievte die Koffer darauf und steckte etwas verschämt seine Zeitung ein.

Geht doch, oder?

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Wie oben schon erwähnt, sollte das Verhältnis Fahrgast - Fahrer eines auf Augenhöhe sein. Das bedeutet auch, daß man für den Fahrpreis die üblichen Standardleistungen bekommt und für Zusatzleistungen auch (freiwillig) zusätzlich bezahlen sollte. Sprich: gehe ich als Taxifahrer über meine Pflicht hinaus, erwarte ich vom Kunden auch einen Obulus, der angemessen sein sollte, aber natürlich immer noch freiwillig ist.

Am Donnerstag und Freitag erlebte ich die Kombination aus der bekannten Lebensweisheit "Man sieht sich immer zwei Mal" und daß man "nie auslernt".

Ein älterer Herr saß am Donnerstag beim Zahnarzt und hatte Zuhause seine Zahnprotese vergessen..--)). Also ließ er ein Taxi kommen. Ich sollte ihn in der Praxis abholen, was ich natürlich immer gerne tue. Langsam begleitete ich ihn zum Auto, half beim Einsteigen, beim Angurten usw.. Wir fuhren in sein Seniorenheim, ich wartete und er holte sein Gebiss. Anschließend ging´s zurück zum Arzt. Den Fahrpreis von 25,10 € beglich er auf den Cent genau. Ohne Zugabe. In diesem Moment war sein Gesicht in meinem Gedächtnis gespeichert. Ein Automatismus. Wie immer, versuchte ich die Fahrt schnellst möglich abzuhaken und mich nicht zu ärgern.

Dann, Freitag Vormittag, eine Bestellung zum örtlichen Augenarzt. Es hieß, ich solle den Fahrgast doch bitte oben in der Praxis abholen. Also, Auto parken, Taxameter einschalten und hoch gehen. Und? Wen sehe ich da? Den alten Herrn vom Vortag! Na, so was...--)) Die gleiche Prozedur wie am Donnerstag: begleiten, angurten, los fahren, nett sein.

  • "Ich glaube, Sie haben mich schon mal gefahren!?" meinte er.

  • "Ja, gestern. Ich habe Sie vom Zahnarzt abgeholt."

  • "Richtig.. ja, Sie wissen das noch..?"

  • "Ja", meinte ich, "an manche Fahrten erinnert man sich natürlich.."


Ich versuchte, diesen Satz so neutral wie möglich ´rüber zu bringen. Schließlich ist Trinkgeld immer noch eine freiwillige Sache.

Fünf Minuten später kamen wir im Seniorenheim an. Nun war ich gespannt, denn im Prinzip hatte ich die gleichen Zusatzleistungen gebracht, wie am Vortag.

  • "Das macht dann 10,80 €, bitte."


Er nahm einen 10er und legte noch 2,- € oben drauf.

  • "Der Rest ist für Sie!" meinte er.


Oha! Wieder einmal überraschte mich ein Fahrgast positiv.

Und das ist es doch auch, was unseren Job ausmacht. Man erlebt mehr Positives als Negatives, oder?

"Alter ist die Zeitspanne, in der man viele Fehler ablegt, weil man sie nicht mehr braucht.“


(von: Unbekannt)


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