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Sonntag, 30. Oktober 2011

Die Tüte

Gestern war mal wieder "Ü30-Abend". Und ich hatte mir in den Kopf gesetzt, daß ich das auch mal wieder haben müsse. Natürlich nicht als Party-Gänger, sondern als Taxifahrer. Dabei profitiere ich ja immer nur indirekt von der Party, die im Reinbeker CCR (großspurig Congress Center Reinbek) stattfindet.
Indirekt deshalb, weil ich mich geschäftseitig um den "Rest" kümmere. Während die jungen Kollegen, gierig auf jede Tour, jeden Euro Trinkgeld, knapp bekleidete Frauen usw., sich ab 23 Uhr ausschließlich vor dem "Forum" tummeln, fahre ich das andere Samstagabend-Publikum. Das sind dann meist private Partygänger, ältere Paare, die Freunde besucht haben oder Jugendliche, die nach einer Feier heimwärts auf die Dörfer wollen.

Ab Mitternacht werden dann die Kunden skurriler. So dann auch der Fahrgast, der gegen 1.30 Uhr von einer Party in HH-Bergedorf nach Wentorf gebracht werden wollte.
Der Blick beim Einsteigen kam schon von schräg unten.
  • "Bitte in den Bergedorfer Weg XX."
  • "Machen wir doch glatt.." entgegnete ich.
Schon an der ersten Ampel war er eingeschlafen. Ich betrachtete ihn von der Seite und da sah ich es: ein silbrig glänzendes Stetoskop hin um seinen Hals! Dazu trug er grüne OP-Hosen und ein schlabbriges Hemd. Hatte er Doktorspielchen veranstaltet oder war Onkel Doktor vielleicht nach seiner Schicht direkt vom OP zu einer Party gegangen??
In Wentorf erwachte er. Sein Körper hatte sich wohl die Ampel- und Kurvenfolge gemerkt.
  • "DA! Da müssen wir links abbiegen!"
  • "Nein, das ist der "Burgberg".
  • "Doch, ja. Da will ich hin."
Ich überlegte, ob es vielleicht einen Fußweg hinunter zum Bergedorfer Weg gibt, denn "Am Burgberg" ist eine Sackgasse. Das sagte ich ihm auch. Er ließ sich nicht beirren. Dort wollte er aussteigen.
So entließ Onkel Doktor in der Kehre. Als ich wendete, sah ich, wie er am Straßenrand stand und vor sich hin starrte. Einfach so. Ein letzter Blick von mir über die Schulter - er stand immer noch da.
Und das steht er wohl immer noch. Denn es gibt keinen Verbindungsweg. Das habe ich inzwischen heraus gefunden. Aber - die Nacht war mild und er wird seinen Weg wohl irgendwann doch gefunden haben. Irgendwie.

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 Gute 2 Stunden später. Ein Jugendlichen-Party ging scheinbar zu Ende und 4 der Partynasen wollten ins 5 km entfernte Börnsen. Der vorne Einsteigende war - wie immer - fast nüchtern. Hinten wurde es zu Dritt eng und der letzte brauchte ziemlich lange, bis er saß. Er stieg mit einer weißen Plastiktüte ein.
Wir hatten die erste Kurve hinter uns, da drehte mein Beifahrer sich zu dem hinter mir Sitzenden um. Eine Sekunde, zwei, drei, dann vier. 
  • "Geht´s?"
  • "Ja, klar, geht schon." kam die Antwort.
Bei mir klingelten auf einmal alle Alarmglocken! Die Tüte. Das langsame Einsteigen. Die Frage.
  • "Junge, wenn du mir ins Auto kotzt, wird´s teuer. Die letzten, die das veranstaltet haben, mussten mehrere Hundert Euro löhnen" warnte ich ihn sehr deutlich.
  • "Eh, klar, neee, es geht schon."
Seine Begleiter kümmerten sich fürsorglich um ihn und hielten wohl die Spucktüte vor sein Gesicht. Ich hielt an.
  • "Du steigst jetzt erst mal aus und kotzt draussen!" riet ich ihm. 
Er stieg aus, würgte 2 - 3 mal in den Straßengraben und kam wieder zurück. Das schlechte Gewissen der anderen hing in der Luft. Man konnte es beinahe greifen.

Selten kam mir diese Strecke so lang vor, aber endlich hielt ich vor dem Rathaus. Es hätte auch die Aussegnungshalle sein können, aber ich wollte den Kandidaten hinter mir los werden.
Sie bedankten sich ganz brav, gaben sogar Trinkgeld - was ungewöhnlich für diese Altersgruppe ist - und zogen mit ihrem üblen Freund von dannen.

Glück gehabt. Meine Fantasie hatte mir die ganze Zeit das Gefühl gegeben, es könnte mir jeden Moment etwas warmes, übel riechendes den Rücken runter laufen.