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Freitag, 28. Oktober 2011

Edle Gesellschaft

Eigentlich wollte ich ja keine Geschichten aus meiner neuen Tätigkeit hier veröffentlich. Eigentlich. Aber nach gut 6 Wochen stelle ich fest, daß es auch hier möglich ist, kleine Anekdoten an den Leser zu bringen, ohne die Privatsphäre der oft prominenten und / oder hochgestellten Persönlichkeiten zu verletzen.

Schon bei den ersten Fahrten war klar, daß die Tätigkeit mit dem Taxifahren nur eines gemein hat: das Fahren.


Was anders ist, sind die Fahrgäste (neben dem Arbeitsgerät natürlich).  Entgegen meinen Erwartungen sind es eben NICHT die Nase-hoch-tragendenden Sakko-und-Schlips-Träger. Ganz im Gegenteil. Ich habe in 20 Jahren Taxi fahren nicht annähernd so viele angenehme, umkomplizierte und freundliche Fahrgäste kennen gelernt, wie in den vergangenen Wochen. 

Auch die Atmosphäre, in der sie sich - und damit zwangsläufig auch ich mich - bewegen, bzw. bewege, ist ausgesprochen niveauvoll und überaus freundlich. 

Ein paar Beispiele.

Ein Gruppe osteuropäischer Geschäftsleute ließ sich von morgens bis abends quer durch Hamburg fahren, nur um Filialen einer bestimmten Drogeriemarkt-Kette zu besichtigen. Gegen Mittag kam natürlich ein wenig Hunger auf. Sie ließen sich von mir ein Lokal empfehlen, typisch Hamburg sollte es sein. Mir fielen auf Anhieb ein paar Fischlokale im Hafen ein, sie stimmten sofort zu. Kurz bevor wir beim Lokal eintrafen meinte der vorne Sitzende (auf Englisch):
  •  "Sie kommen doch sicher mit, oder?"
Ich war perplex. Das hatte ich nicht erwartet.
  • "Danke, das ist nett, aber nicht nötig. Ich habe Essen dabei."
  • "Das kommt nicht in Frage, schließlich müssen wir uns ja bei Ihnen bedanken!"
So hatte ich das noch nicht gesehen, denn ich machte nur meinen Job. Also saß ich 10 Minuten später in Anzug und Krawatte bei Labskaus und einem alkoholfreien Bier. Auch eine Form des Trinkgelds, oder?

Vor ein paar Tagen. Zwei amerikanische Unternehmensberater hatten einen Termin im Hamburger Norden. Wir vereinbarten, sie würden mich anrufen, wenn sie absehen könnten, wie lange ihr Meeting dauert. Aber ich sollte mich mal auf gut 3 - 4 Stunden einstellen. Für mich kein Problem, denn ich werde dafür bezahlt - auch für´s Warten.

Als ich mich 3,5 Stunden später vor dem Firmeneingang postierte, kam eine Frau heraus. Sie fragte mich nach meinem Namen und lächelte.
  • "Die Herren lassen ausrichten, daß es noch etwas dauert. Haben Sie Hunger?"
  • "Äh, ja, ein wenig schon."
Ich hatte bis dahin nur gefrühstückt.
  • "Möchten Sie unsere Kantine besuchen? Ich habe hier einen Besucherausweis für Sie."
Kurz darauf saß ich in der Firmenkantine, aß das Menu, daß noch übrig war (schließlich war es bereits 13.30 Uhr) und war zufrieden. Gut 10 Minuten später kamen "die Herren" heraus und begrüßten mich mit eine - typisch für Amerikaner - lockeren:
  • "Hey, Marco. Thanks for waiting!"
Bei DER Verpflegung wartet man doch gerne, oder?

Anderer Tag - gleicher Spaß. Zwei Kunden sollten vom Side Hotel zum noblen Übersee Club am Neuen Jungfernstieg und 3 Stunden später weiter zum Flughafen chauffiert werden.


In der Hotellobby schauderte mir. So nächtigte man? Es hat den Charme einer Aussegnungshalle. Egal. Meine Gäste ließen mich zum Glück nicht lange warten. Als ich 3 Stunden später vor dem Übersee Club hielt und mich innen anmeldete, erwartete mich auch hier ein warmherziger, freundliche Empfang.

Quelle: Wikipedia


  • "Das Meeting ist noch nicht beendet, aber wenn Sie einen Kaffee möchten, kommen Sie doch herein!"
  • "Äh, ja, gerne..."
  • "Oder möchten Sie etwas essen? Dann bitte hier entlang...!"
Das klare Denken kehrte zurück. Ich erinnerte mich, daß ich den Wagen in zweiter Reihe parkte. So konnte er natürlich nicht bleiben, während ich mir irgendwelchen kulinarischen Köstlichkeiten reichen ließ. Mist!
Ich lehnte die Einladung dankend ab und wartete noch gut 30 Minuten im Auto.

Aber das war nicht wichtig. Allein die Tatsache, als "einfacher" Fahrer in diesen noblen Club, dem u.a. Staatschefs und Wirtschaftsbosse angehören, eingeladen worden zu sein, hob meine Stimmung ganz noch oben...--)).

So lässt es sich eben auch arbeiten. Oder?