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Samstag, 21. Januar 2012

Lebenswille oder Mut der Verzweiflung?

So, nun bin ich zurück auf der "Bühne". Die ganze letzte Woche, in der ich schon wieder Taxi gefahren bin, war extrem durchschnittlich und ereignislos. Selten so belanglose Fahrten gehabt, wie in diesen Tagen. Als wenn sich die Fahrgäste mit ihren Zielen und Schicksalen dem Wetter anpassen wollten: grau und trüb. Selten ein Sturm.



An solchen Tagen hat man dann auch mal Zeit nachzudenken. Was mir besonders im Hinterkopf geblieben war, war der Kommentar eines anonym gebliebenen Lesers des Blogs meines Kollegen S. von "Taxi Hamburg". Er schrieb einen Beitrag, in dem es auch um seine Erfahrungen mit ausländischen Fahrgästen und seine gleichzeitigen Begeisterung für die Türkei und ihrer Menschen ging ("Integration"). Ungeachtet des Inhalts, dem man zustimmen kann oder nicht (wer länger Taxi fährt, wird dem mit Sicherheit großenteils zustimmen), aber Kollege S. wurde von besagtem Leser diffamiert und beschimpft - anonym. Der Diffamierer hatte nicht den Mut, auch nur sein Pseudonym preis zu geben. Das ist feige. Und daher habe ich beschlossen, in Zukunft keine Kommentare mehr zu veröffentlichen, bei denen sich der Schreiber versteckt hält. Entweder man steht zu seiner Meinung, dann kann man sich auch zeigen, oder man lässt es sein.

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Am meisten beeindruckt hat mich diese Woche ein älterer Fahrgast, den ich am Donnerstag vom Krankenhaus abholte. Geschätzt um die 80 Jahre alt, lief er mit mir recht flott die Gänge entlang und lehnte es auch ab, daß ich meinen Wagen ein wenig günstiger für ihn hinstellte, damit er besser einsteigen konnte.

  • "Ach was, das ist eine meiner leichtesten Übungen..!"
Der ist ja fit, dachte ich mir. Kaum im Auto, wurde mir klar, wie sehr ich daneben lag mit meiner Einschätzung. 
  • "Na, das war ja mal ein kleiner Hammer, diese Diagnose gerade eben!"
  • "Was war denn?" fragte ich ihn, schon mit einer leisen Ahnung im Hinterkopf
  • "Krebs. Magenkrebs. Ohne Chancen auf Heilung!"
  • "Und jetzt?"
  • "Chemotherapie"
  • "Ich dachte, er sei unheilbar?"
  • "Man kann ihn verlangsamen, nicht heilen. Ich habe doch Familie, Frau und Kinder, die kann ich ja nicht einfach so alleine lassen und den Löffel abgeben!"
Ich bewunderte diesen Mann, auch wenn gleichzeitig eine gewisse Wut auf die Ärzte in mir hoch kam. Denn die Chemo würde sein Leiden - er hatte permanente Magenschmerzen - nur verlängern, aber nicht mindern. Die einzigen wirklichen Gewinner einer solchen Therapie bei diesen Diagnosen sind die Hersteller der Chemo. Und die Krankenhäuser, bzw. der durchführende Arzt. Die Behandlung kostet mehrere 10.000 € pro Durchgang (jeweils mehrere Wochen). Ob sich das Leben dieses alten Mannes wirklich für ihn lohnenswert (im Sinne von Lebensqualität) verlängern würde? Ich habe da meine berechtigten Zweifel. 

Aber den Willen, nicht einfach alles liegen und stehen zu lassen, fand ich bewundernswert. Und schließlich kann nur er das entscheiden, wie er sein Leben (zu Ende) führt. Ich drücke ihm die Daumen!