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Dienstag, 28. Februar 2012

Gelassenheit

Zwei Dinge haben mich heute, an diesem nieseligen, grauen Februartag besonders beeindruckt.

Das eine ist meine derzeitige Gelassenheit, von der ich selbst nicht weiß, woher sie kommt. Mit Sicherheit auch daher, daß mir durch die schlimme Krankheit eines guten Bekannten, von der ich erst kürzlich erfuhr, klar geworden ist, wie gut es mir selbst und meine Familie geht.
Vielleicht auch ein wenig, weil ich nach den beruflichen Irrläufern endlich wieder zu dem Job "zurück gefunden" habe, der mir am meisten Spaß bringt?! Wie auch immer - es wirkt sich auf meine Arbeit und auf mein Ergebnis aus. Wenn ich am Ende des Tages zusammen rechne, bin ich meistens sehr zufrieden.

Weitaus beeindruckender war für mich heute aber eine Aktion der Glinder Bürger, die nun schon seit 139 Tagen mit Hilfe eines provisorischen Informationsstandes Druck auf die Anwesenheit eines Bekleidungsladens ausüben, der in der Hauptsache Mode für Neonazis verkauft.


Vor gut 2 Jahren hatte diese Art des Protestes den Erfolg, daß nach Monaten ein ähnlicher Laden im HSH-Center am Gerhard-Hauptmann-Platz dicht gemacht hat. Auch wenn ich selbst bekenne, kein Fan von irgendwelchen Straßenaktionen oder -protesten zu sein - diesen Protestlern wünsche ich einen möglichst schnellen Erfolg!

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Weitaus weniger entspannt als ich selbst, war am späten Nachmittag meine letzte Kundin. Als ich vor dem Haus eintraf, war die Tür noch verschlossen, aber ein Koffer stand schon davor. Generell reagiere ich auf solche eindeutigen Zeichen erst mal gar nicht. Erstens aus Prinzip (die Zeiten, in denen man dem Personal das Gepäck wortlos überließ, sind glücklicherweise vorbei) und zweitens ist es mir lieber, daß der Fahrgast selbst sieht, wie und wann ich das Gepäck einlade.

Nach 2 Minuten kam eine miesepetrig in die Welt schauende alte Dame heraus, kniff die Augen zusammen und musterte mich. Auf meine Frage, ob ich das Gepäck einladen solle, kam nur ein knappes "Ja..!"
Verkniffen stieg sie auch ein. Das Ziel: der S-Bahnhof. Wie fast immer, begann ich, meine Kundin einzuschätzen und suchte eine passende "Schublade"..--)):

  • Alleinstehend
  • Ende 60
  • ehemalige Lehrerin?
  • sehr sparsam mit ihrem Geld
  • mag Bildungsreisen
Sehe ich Fragezeichen in manchen lesenden Augen? Die Gründe lagen auf der Hand:
  • Alleinstehend - weil allein reisend und weil sie das Haus mehrfach abschloß. 
  • Ende 60 - naja, man kann ja schätzen
  • Lehrerin - den "Typ Lehrer" erkennt man immer (schon wegen des Kurzhaarschnitts und des kleinen Rucksacks, den sie immer bei sich tragen)
  • sparsam - weil sie zwar Geld für Flug und Rundreise (ergab sich später im Gespräch) ausgab, aber nicht für ein Taxi zu Flughafen, obwohl wir einen günstigen Festpreis anbieten. 
Zu Letzterem kommt noch, daß sie anstelle des bequemen Fahrens per Taxi lieber den beschwerlichen Weg mit der S-Bahn (Treppen, Umsteigen, Treppen, schweres Gepäck) nahm. Es gibt zwar seit ein paar Jahren die direkte S-Bahn-Anbindung des Flughafens, aber von Osten her muß man immer am "Berliner Tor" oder am Hauptbahnhof umsteigen. Das schlaucht. 

Egal. Nach 500 m presste sie hervor:
  • "Mistwetter...!!!"
Sie wirkte irgendwie von Grund auf frustriert. Und diesem Frust wollte sie Luft machen. Ich hatte es nämlich noch nie erlebt, daß Kunden, die in den Urlaub fliegen, schlecht gelaunt waren. Im Gegenteil . Aber "Frau Lehrerin" WAR schlecht gelaunt. Ich aber nicht. Deshalb meinte ich ganz gelassen:
  • "Wieso "Mistwetter"? Es regnet doch gar nicht..--))"
Der kurze Blick, der mich von der Seite traf, sagte alles. Sie hatte gehofft, ich würde mich ihrem Geschimpfe anschließen. Nun war aber klar, daß sie ins Leere lief. 
Um die Stimmung halbwegs zu retten, fragte ich nach dem Reiseziel, der Reisedauer usw., was sie einigermaßen wieder "in die Spur" zurück brachte. 

Zum Abschied gelang ihr sogar ein Lächeln. Na bitte. Vielleicht hat sie es ja bis zum Flughafen beibehalten..?!