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Donnerstag, 15. März 2012

Versteckspiel?

Ein Kunde ruft an und weiß nicht so genau, wo er abgeholt werden will. Gut. Kommt vor. Zum Beispiel, wenn er auf einer Party bei einem Freund ist und die 0,5 Promille-Grenze schon weit überschritten wurde. Das hatten wir alles schon.
Aber einen Kunden abholen, der genau weiß wo er steht und dann auch noch behauptet, das gerufene Taxi sei gerade erst an ihm vorbei gefahren - nein, das kannte ich noch nicht.

Ich befand mich gestern Vormittag im benachbarten Wentorf, bereits im Reinbeker Weg, kurz vor der Ortsgrenze, als ich den Auftrag erhielt, einen Herren in der Berliner Landstraße Nr. 7 abzuholen. Also umdrehen und das Ziel ansteuern. Am neu gebauten Kreisel treffen in Wentorf 3 Straßen (eigentlich 4, aber der 4. ist vernachlässigbar) aufeinander: Berliner Landstraße, Hamburger Landstraße und Hauptstraße. Alle drei haben eine Hausnummer "7". Nachdem ich von der Hauptstraße den Kreisel angefahren und diesen abbiegend in die Berliner Landstraße verlassen hatte, fand ich nach 100 m auf der linken Seite die besagte Nummer. Aber nur diese. Ein Kunde stand nicht davor. Stattdessen überquerte ein alter Mann mit Gehwagen die Straße. Der?? Wohl kaum. Ansonsten war weit und breit kein Mensch zu sehen.

  • "Zentrale?! Hier ist niemand. Ist das auch sicher die richtige Adresse?"
  • "Ich habe den Kunden gerade am Telefon. - Ja, er sagt, du seiest gerade an ihm vorbei gefahren."
Ein Blick rundum sagte mir, daß ich an niemandem vorbei gefahren sein konnte. Gut, es fuhren noch andere Taxen durch Wentorf. Wahrscheinlich hatte der Kunde einen anderen Wagen gesehen. Ich beschloß, in der Hamburger Landstraße nach der Nr. 7 zu suchen. Es konnte ja eine Verwechslung vorliegen. Aber - Fehlanzeige. Auch dort stand niemand. 
  • "Zentrale, ich bin jetzt in der Hamburger Landstraße, aber auch hier steht niemand."
  • "Der Herr ist eben wieder am Telefon. Warte, bitte."
Bis dahin wollte ich noch die dritte Möglichkeit in Betracht ziehen und fuhr in die Hauptstraße zur Nr. 7. Auch hier - nichts. Jede Menge Leute die zum Einkaufen gingen, aber kein Mann, der auf ein Taxi wartete.
  • "Reinbek 2, der Herr sagt, er stünde vor der Berliner Landstraße Nr. 7 und habe ein Jackett an."
  • "Ich fahre nochmal hin."
Wieder nichts. Kein Mensch, der dieser Beschreibung auch nur annähernd entsprach. 
  • "Reinbek 2, er ist noch dran und sagt, er würde jetzt an der Ecke "Zum alten Exerzierplatz" stehen."
In meinen Augen standen große Fragezeichen. Denn wie schaffte es ein Mensch, innerhalb so kurzer Zeit von der zuerst angegebenen Adresse zum "Alten Exzerzierplatz" zu gelangen? Das war ein guter Kilometer. Und vor allem - warum???

Als ich kurz darauf mich der Einmündung "Zum alten Exerzierplatz" näherte und den Kunden sah, setzte sich die Lösung des Rätsels schlagartig zu einem Gesamtbild zusammen: der gute Mann stand am Ende einer Reihe von Einfamilienhäusern, die ihren Eingang zwar an der Berliner Landstraße hatten, aber dem gut 200 m entfernten "Südring" zugeordnet waren..--((. Sie hatten die Numerierung 1 bis 7 und ich bin selbst vor einiger Zeit diesem stadtplanerischen Schwachsinn aufgesessen und hatte wie verrückt nach einem Kunden gesucht. Diesen Irrtum konnte ich meinem jetzigen Kunden also gar nicht vorwerfen, aber....

Als ich näher kam wurde mir klar, daß ich von diesem Fahrgast überhaupt keine geistigen Leistungen mehr erwarten konnte: dort stand ein ca. 25-jähriger Mann, mittelgroß und bekleidet mit einem Kapuzen-Sweatshirt, einer Jeans und einem Jackett. Der Kopf war leicht nach vorne gebeugt, die Haltung sehr instabil. 
Er öffnete die Tür und im selben Augenblick strömte ein Alkoholgeruch durchs Auto, der einer üblen Eckkneipe auf dem Kiez Ehre gemacht hätte. Widerlich. 
Es kam dann noch "besser": unter der Kapuze kam ein kahlgeschorener, einem Totenkopf ähnlicher, Schädel zutage, den ein geschwollenes und blau-rotes Auge links, eine dicke Lippe unten und ein großer blauer Fleck an der rechten Wange "zierte". 

Hätte er sich in diesem Zustand bei einer Geisterbahn beworben, der Eigentümer hätte sofort sämtliche Puppen herausgeworfen und diesen Kerl als alleinige Attraktion eingestellt! 

Es ging noch weiter. 
  • "Na, wollten Sie mit mir Versteck spielen?" fragte ich ihn.
  • "Neee, wieso? Hier ist doch die Nummer 7, oder..?" gab er zurück und deutete auf die Häuser.
Ich erklärte ihm den Irrtum kurz und fragte nach seinem Ziel. Eine Sackggasse nahe der Feuerwehr in Wentorf. 
Er fing an zu reden und erzählte mir, daß er noch "von gestern Abend" übrig sei und "feiern" war. So sah er aus. Wo war er denn feiern? In einem Boxercamp? Das sei nötig gewesen, denn man würde ja nicht alle Tage erfahren, daß man Vater wird...!!

Oh mein Gott. Der Kerl erfährt, daß er bald Vater sein wird und das erste was er tut, ist diese Freude im Alkohol zu ertränken, sich zu prügeln oder Treppen runter zu fallen und irgendwann am Folgetag gegen Mittag bei der Mutter seines Kindes in diesem Zustand wieder aufzuschlagen??? 

Dieses Kind tat mir jetzt schon leid, denn wenn man vom Vater auch nur annähernd auf die Mutter schließen konnte, dann war der nächste Sozialfall gerade im Heranwachsen. 

Klar, jeder hat das Recht, sich fortzuplanzen..--)), aber muß das auch sein?

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