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Samstag, 21. April 2012

Der "Baron"

Nein, heute geht es nicht um einen wirklichen Adeligen. Eher um einen "gefühlten", bzw. wohl "eingebildeten", den ich schnell für mich "den Baron" genannt hatte. Während der Fahrt bekam er dann noch einen Zusatz, aber dazu später mehr.

Die Abholadresse war schon nicht ganz die, die man auf neu-deutsch als die von "sozial benachteiligten Schichten" oder kurz ein "Sozial-Ghetto" nennen konnte, denn diese Straße in Reinbek gehört eher zu anderen Ecke. Großzügige Grundstücke mit noch großzügigeren Häusern. Manche schon an die 100 Jahre alt, manche aus den 50ern und manche recht neu, aber auf "alt" gebaut. Das Haus des "Barons" war reetgedeckt und die weiß gestrichen. Der Platz vor der Haustür war so großzügig bemessen, daß man ohne Problem wenden konnte. Hübsch. Auf solchen "Vorplätzen" bauen manche ganze Häuser nebst Garten und Plastikrutsche vom "Praktiker" für den Nachwuchs.

Als die Tür sich öffnete trat ein Mann Mitte 40 heraus. Groß und mit leicht gewelltem Haar, daß er nach hinten gekämmt hatte. Neben einem grobleinigen Sakko trug er eine ebensolche Hose und ein rot-weißes Halstuch. Den Kopf hatte er leicht nach hinten gebeugt, sodaß die Nasenunterseite in einem Winkel von etwa 45 Grad nach oben zeigte und die anströmende Luft beim Gehen leichter die Atemweg erreichen konnte.
Zudem hatte es den Effekt, daß der Blick auf das Gegenüber etwas von oben herab kam.

Mit leichtem Handgepäck, geschätzte 25 kg, nahm er Kurs auf meinen Kofferraum, wuchtete dieses hoch, um es im letzten Augenblick in meine kundenorientiert hinzu eilenden Händen fallen zu lassen. Danke...! Die Tragegriffe schnitten mächtig in meine Finger.

Sicher aus reinem Zufall hatte der "Baron" die Gepäckanhänger vom letzten Flug dran lassen. Zusammen mit dem roten "Priority"-Anhänger, der ihn als Business-Class Passagier auswiesen.
Da hatte es aber wieder einer nötig...!

Kaum eingestiegen, bat er mich, den Beifahrersitz nach vorne zu schieben, um dann ganz royal die Beine übereinander zu schlagen.
  • "Ach, könnten Sie bitte an der ESSO noch kurz anhalten? Ich möchte mir eine Zeitung holen."
Ich tippte auf die "Welt" oder das "Manager Magazin". Und? Es war die "Welt" und darin eingesteckt noch die BILD. Wahrscheinlich wegen des Titelfotos..--)). Auch gefühlte Adelige sind nur Männer...!

Die Fahrt verlief schweigend. Das war mir auch ganz recht, denn "Herr Baron" hatte sich für seine Fahrt nach Fuhlsbüttel den dicksten Berufsverkehr ausgesucht. So konnte ich mich auf Schleichweg um die Blechlawinen herum konzentrieren.
Ein wenig gestört wurde ich jedoch in meiner Konzentration von den Geräuschen die seine Durchlaucht dort hinten von sich gab.

Hier ist nun die Fantasie und die "Lebenserfahrung" meiner Leser gefragt. Jeder schließe nun mal die Augen und stelle sich vor, er sitze auf einer öffentlichen Toilette! Ok? Nebenan in der Kabine sitzt auch jemand. Und dieser Jemand hat ein paar Probleme. Vielleicht zuviel Schokolade gegessen? Jedenfalls wollen manchen Verdauungsendprodukte nicht ganz so zügig den Körper verlassen, wie sie sollen.
Welche Geräusch macht so jemand? Na? Er drückt und presst. Hört sich nicht lecker an, aber genau diese Schnaufgeräusch gab nun seine Durchlaucht hinter mir von sich.

Ich blickte ein paar Mal in den Rückspiegel, um mich zu überzeugen, daß er nach wohlauf ist. Er hatte teilweise die Augen geschlossen, dann las er wieder. Und 1 - 2 Mal pro Minute diese Geräusche...

War ihm vielleicht schlecht? Nein, er wirkte ganz gesund. Oder lastete die Verantwortung für die ganze Welt auf ihm? Ich werde es wohl nie erfahren.

Am Flughafen zog er die AmEx heraus, erkundigte sich gespielt unwissend nach dem Festpreis und diktierte mir noch ein recht gutes Trinkgeld in den Kreditkartenbeleg. Schwups - schon war er weg. Zum Glück spurlos, im wahrsten Sinne..--)).

Halt! Nicht ganz. Etwas blieb von ihm, bzw. von seiner Zeitung:



Ich gab ihm nun noch den Spitznamen "Baron Drückeberger"..--)).