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Freitag, 11. Mai 2012

Radio - Laut!

Meine bisherigen Erfahrungen beim Fahren von japanischen Kunden (=Patienten) waren zu 100% positiv. Nie ein böses Wort, nie eine Beschwerde. Einsteigen, Schweigen, Ankommen - so läuft es in der Regel ab. Da kenne ich Kunden, die ich weniger gerne fahre.

Ab jede Regel hat ihre Ausnahmen und die bekam ich heute mal vorgeführt.

Gerade hatte ich eine Fahrt beendet, die mich aufgrund des Verhaltens des Fahrgastes, an den Rand einer Magenverstimmung gebracht hatte, da erhielt ich den Auftrag, einen Herrn Y. vom Bethesda-Krankenhaus in den Hamburger Westen zu fahren. Routine eigentlich, aber ich hatte in diesem Moment dazu soviel Lust, wie auf Baden in einer Jauchegrube..--((.

Unten in Ebene 0 warteten 3 "Kinder der aufgehenden Sonne" auf mich: Papa, Mama und Tochter. Letztere war um die 30 und sprach etwas Deutsch. Beim Hinaufgehen hielt ich dem direkt hinter mir laufenden Papa die Tür auf und sah noch, wie er sie einfach hinter sich zufallen ließ. Mama und Tochter beachtete er nicht. Stattdessen tippte er im Laufen etwas in sein Netbook.
So ein Büffel!

Ich fuhr vom Krankenhausgelände, als es im Funk neue Auftragsvergaben gab. Die Zentrale rief, die Kollegen antworteten. Normaler Taxibetrieb. Papa Nippon (nein, nicht "Hippo"..--)) starrte auf den Lautsprecher und meinte:
  • "Laut!"
  • "Bitte?"
  • "Laut! Radio laut!"
Ich begriff. Der Funk war im zu laut. Dem konnte ich abhelfen und stellte eine Stufe leiser. Nach 500 Metern wieder der Blick...
  • "Noch laut!"
Es waren vielleicht die einzigen Worte Deutsch, die er sprach, deshalb setzte ich die folgende Konversation in Englisch fort.
  • "Das ist mein Funk und ich muß ihn hören."
  • "Ist zu laut. Machen Sie ihn aus.!"
Gerade zur Ruhe gekommen, meldete sich mein Magen wieder. Ich merkte, wie die Menge an Adrenalin in meinem Blut sprunghaft stieg. Langsam klappte ich mein geistiges Visier herunter. Ganz langsam..
  • "Nein. Er bleibt an. Der Funk gehört zu meinem Taxi und damit zu meiner Arbeit."
  • "Das interessiert mich nicht."
Nun klappte das Visier ganz herunter und die Hand griff zur Streitaxt.
  • "Zur Kenntnis genommen."
  • "Bitte?"
  • "Ich habe es zu Kenntnis genommen, daß Sie der Funk stört, aber es bleibt dabei, ich werde ihn NICHT ausschalten."
Ich blieb äußerlich völlig ruhig. Denn Streitigkeiten mit Fahrgästen sind heikel. Auf der einen Seite muß man firmenorientiert denken und darf den Fahrgast nicht verärgern. Schließlich gibt es welche unter ihnen, die anschließend gleich den Chef anrufen und sich beschweren. Und ich möchte für keinen Chef der Welt die Hand ins Feuer legen, daß er uneingeschränkt hinter mir steht...

Auf der anderen Seite will man seinen Stolz bewahren und sich nichts gefallen lassen. Hätte er von vorne herein höflich darum gebeten, den Funk abzustellen, weil er arbeiten will - ich wäre der Letzte, der das verweigert hätte. Aber so...
  • "Es interessiert mich nicht, ob sie den Funk brauchen. Stellen Sie ihn ab!"
  • "Nein. Sie werden außerdem feststellen, daß wir in 3 Minuten diesen gar nicht mehr hören, da wir außer Reichweite sind."
  • "Gut. Wenn ich in 3 Minuten noch etwas höre, steige ich aus und nehme ein anderes Taxi."
Ich musste ein Grinsen vermeiden, denn ich stellte mir vor, wie er - dann schon auf der Autobahn - auf dem Standstreifen mit seinem Netbook ausstieg und auf ein anderes Taxi wartete...--)).

Aber soweit kam es ja gar nicht. Nach ziemlich genau 3 Minuten war von meiner Kollegin am Funk nichts mehr zu hören und Papa Nippon tippte den Rest der Fahrt Emails in sein Netbook.

Zum Schluß ließ er seine Tochter, die sich, genau wie die Mutter, aus dem Streit heraus gehalten hatte, die Fahrt unterschreiben. Er selbst war sich wohl zu fein, um selbst den Stift in die Hand zu nehmen.

Auch in Japan gibt´s scheinbar Idioten!

Quelle: www.kunstkopie.ch


Im Übrigen hatte mein Kollege am Morgen ein ähnliches Zinober mit Papa Nippon erlebt. Da Kollege N. aber kein Englisch spricht, hatte er nur die Achseln gezuckt und aus dem Fenster gestarrt. ______________________