Besucher

Freitag, 20. Juli 2012

30 Cent

Nein, es geht NICHT um die Höhe des Trinkgeldes. Das war mir in diesem Fall völlig egal. Es geht um das Vorspiel!

Die Kundin ist eine Stammkundin. Ein alte Frau, die in einem der eher gehobenen Seniorenwohnheime Reinbeks logiert. Eigentlich fährt sie immer nur aus einem einzigen Grund mit uns: einem Arztbesuch. Aber nicht zu einem, sonderen zu diversen Ärzten. Und jedes Mal geht´s um eine andere Krankheit. Mein Kollege Norbert hat sich mal zu der Frage hinreißen lassen:

  • "Na, Frau J., welches Wehwehchen haben wir denn heute..--))?"

Frau J. nimmt solche Spitzen gar nicht war. Sie ist so in ihrer eigenen Krankheitswelt versunken, daß es für sie kein anderes Thema gibt. Aber das wird dem jeweiligen Fahrer in aller Ausführlichkeit nahe gebracht. Vom Ein- bis zum Aussteigen. 
Genau genommen gibt es für Frau J. nur 3 Ziele: 1 in Bergedorf, 1 in Lohbrügge und 1 in Reinbek. Zu den ersten beiden hat sie einen Festpreis bekommen, in Reinbek natürlich nicht. Das wäre illegal. Es würde sich auch nicht wirklich lohnen für sie. 

Vorgestern hatte ich das Vergnügen, Frau J. am Krankenhaus abzuholen. Am Ende Fahrt zeigte das Taxameter 5,30 €. Bitte merken, denn dieser Betrag wird im folgenden Dialog noch wichtig. 
  • "So, Frau J. , das macht dann 5,30 €, bitte."
  • "Wieviel?"
  • "5,30 €!"
Augen und Ohren würden keine TÜV-Plakette mehr bekommen, aber beim zweiten Mal hatte sie´s verstanden. Sie gab mir 10,- €. 
  • "Machen Sie 50 Cent für sich!"
Macht also 5,80 €. Mit Schrecken sah ich, daß ich nur noch 50 Cent, 1 und 2-Euro-Stücke besaß. 
  • "Frau J., das wird jetzt schwierig. Ich habe keine 20 Cent-Stücke mehr."

Die Augen von Frau J. gerieten in Bewegung. Das war wohl ein Problem, mit dem der mindestens 80 Jahre alte Verstand nicht gerechnet hatte. 
Um ihr ein wenig beim Denken zu helfen sagte ich:
  • "Ich kann Ihnen also nur 4,- € oder 4,50 € zurück geben, aber keine 4,20 €."
  • "4,50 €? Aber dann haben Sie ja weniger (als Sie bekommen sollen - Anm. d.Verf.)."
  • "Oder mehr. Wenn ich Ihnen 4,- € gebe."
Die Blicke wurden noch unruhiger. Ich setzte noch einen drauf.
  • "Haben Sie vielleicht 30 Cent?" fragte ich. 
In ihrem Kopf musste es zugehen, als wenn man in einem Keller sämtliche Regale umwirft. Alles Durcheinander und chaotisch.
  • "Warum?"
  • "Dann kann ich ihnen 4,50 € geben und wir beide sind zufrieden."
Das war nun zu hoch. Das kam in ihrer Welt nicht vor. 
  • "Nein, geben Sie mir nun erst mal passend zurück."
  • "Das kann ich nicht, weil mir 20-Cent-Stücke fehlen, Frau J.! Nur 4,- € oder 4,50 € gehen."
  • "Aber wenn Sie mir 4,50 € geben, haben Sie ja zu wenig für sich."
Wir drehten uns im Kreis. 
  • "Oder bei 4,- € etwas mehr."
  • "Das wären ja dann 70 Cent Trinkgeld!?"
Aha. Jemand hatte ihre Regale im Kopf wieder hingestellt. 
  • "Nein, das ist mir zuviel. Ich gebe immer 50 Cent in Reinbek und 1,- € nach Bergedorf."
Die Diskussion wurde mir nun zu lang. Immerhin ging es hier um 30 Cent! Und nicht um 30 Euro. 
  • "Wissen Sie was?" fragte ich sie. "Hier haben Sie 4,50 € und nun hole ich Ihren Gehwagen."
Ich drückte ihr die Münzen in die Hand und öffnete die Fahrertür. 
  • "Aber dann haben Sie ja weni...!"
Den Rest des Satzes hörte ich nicht mehr. Es war mir inzwischen sowas von egal, ob ich 20 Cent, 30 Cent oder 70 Cent bekomme. Andere Kunden warteten auch schon auf ihr Taxi, ich hatte keine Muße und keine Zeit mehr, mich darüber mit ihr auszulassen. 

Beim nächsten Mal, wenn ich Frau J. fahre, weiß ich Bescheid und besorge mir ausreichend Münzen.--))

_________________________________________