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Dienstag, 8. November 2011

Schweigen ist Gold

Routine bringt Sicherheit. Routine bringt manchmal aber auch peinliche Situationen mit sich.

Ich habe im Allgemeinen ein sehr gutes Gedächtnis, speziell was Zahlen und Gesichter angeht. Das führt dazu, daß ich einen Fahrgast sehe und meistens sofort weiß, wohin er möchte, wenn ich ihn schon einmal gefahren habe. Denke, das geht den meisten Kollegen so, ansonsten wäre der Job auch ein wenig beschwerlich..--)). Denn der Fahrgast schätzt es sehr, wenn er erkannt wird. Das gibt ihm das Gefühl, "wichtig" zu sein. "Man kennt mich hier...!" sozusagen.

Dieses Gefühl wollte ich der Kundin, die ich vom Onkologen am gestrigen Nachmittag abholte, auch geben. Im Nachhinein hätte ich es besser sein lassen..

Ich holte sie in der Praxis ab und wusste gleich, daß ich sie schon ein- oder zweimal gefahren hatte. Mitte 60, etwas gedrungen, dunkle Perücke. Die innere Festplatte arbeitete sofort auf Hochtouren und bevor sie noch "Guten Tag!" gesagt hatte, wusste ich, daß sie im benachbarten Glinde wohnt. Trotzdem fragte ich zu Sicherheit nach.
  • "Ich möchte nach Glinde..."
  • "Ja, ich erinnere mich natürlich an Sie."
  • "..in den XY-Weg."
Auf meiner inneren Festplatte gab es den ersten Lesefehler. Wo war nochmal der XY-Weg in Glinde. Mir kam mein fotografisches Gedächtnis zu Hilfe, auf das ich immer sehr stolz bin. Vor dem geistigen Auge sah ich Ihre Straße und die Kreuzung davor, an der ich abbiegen musste.
Inzwischen saßen wir im Auto und ging laut denkend den Fahrweg durch.
  • "Wir fahren beim OBI vorbei und dann rechts.."
  • "Jjjjaa, aber da noch nicht.." kam es zaghaft von ihrer Seite
Die Bilder in meinem Kopf gerieten durcheinander. Irgendwo leuchtet ein kleines rotes Lämpchen in meinem Kopf, das mir signalisierte, ich solle lieber langsam den Mund halten und los fahren. Sie würde mir schon den Weg zeigen. Aber das ließ mein Taxifahrer-Stolz nicht zu. Ich KONNTE mich nicht irren.
Wir passierten den OBI in Glinde, dann legte ich nochmals nach.
  • "Aber an der nächsten biegen wir rechts ab, richtig?"
Langsam wurde es peinlich, denn sie sagte nur noch:
  • "Fahren Sie ruhig, ich gebe dann Bescheid."
Anders formuliert hieß das: Halte den Mund, du hast keine Ahnung.

Nach dem Glinder Markt dann mein letzter Versuch, meine Ehre zu retten.
  • "Bis zum Papendieker Redder?"
Keine Antwort. Sie starrte vor sich hin. Die Perücke war leicht verrutscht und der Blick abwesend. Dann..

  • "Hier gleich die nächste rechts, bitte."
Es war der Sandweg. Knapp daneben ist auch vorbei, dachte ich mir. Aber, nun leistete sie sich auch einen "Fauxpas".
  • "Da vorne bitte der "Dorfstraße" folgen."
Ich blickte voraus und sah an einer T-Kreuzug folgendes Bild:


Sehr komisch. Es stand 1:1, fand ich.

  • "Äh, nach links, meine ich natürlich..."
Kurz darauf bogen wir in ihre Straße ein, die ich natürlich richtig im Bild abgespeichert hatte, aber im geistigen Fotoalbum auf die falsche Seite geklebt hatte..--((.

Sie trug mir meine Fehlversuche bei der Wegfindung offenbar nicht nach, denn die Verabschiedung war freundlich und nett. Nur, als ich versuchte, die verkorkste Situation für mich noch hinzubiegen mit

  • "Ja, bis zum nächsten Mal. Nun habe ich mir Ihre Adresse gemerkt.."
kam von ihr nur ein schwaches
  • "Ja, ja, sicher..."
Selten traf der Spruch "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" besser zu.