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Mittwoch, 25. Januar 2012

Die letzte Tasse

Es wird langsam wieder. Die Fahrgäste und die Geschichten mit ihnen "ziehen wieder an".. Nein, die Super-Fahrt nach München oder in andere ausländische Städte..--)) war noch nicht dabei, aber das graue Einerlei der vergangenen Wochen wird bunter.

Sonntagabend, ich habe Spätschicht. Eine Schicht, die ich sehr gerne mag, denn es sind z.T. besondere Menschen, die ins Taxi steigen. Keine "ich-habe-niedrigen-Blutdruck"-Fahrten, sondern einfach anders.
Eine Frau in höheren Jahren kommt vorsichtig im Dunkeln an den Taxistand und da ich der einzige Wartende bin, klopft sie an mein Beifahrerfenster.

  • "Darf ich mit meinem Hund zu Ihnen einsteigen?"
Was für eine Frage? Jemand mit Hund ist mir doppelt willkommen!
  • "Vielen Dank! Manche Ihrer Kollegen mögen es nicht, wenn ich mit Hund einsteige."
Sie hat einen Westhighland-Terrier dabei, ein kleiner, netter Kerl, der sofort an meiner ausgestreckten Hand interessiert zu schnuppern beginnt. Kein Wunder, denn für ihn muß das wie das Lesen einer Tageszeitung sein. 
Auf der kurzen Fahrt zu ihrer Wohnung sprechen wir noch über Kollegen, die keine Hunde im Auto mögen. Ich gebe ihr den Tipp, beim nächsten Mal, wenn sie mit Hund Taxi fahren möchte, doch in der Zentrale nach mir zu fragen. 
Das kommt an, merke ich. Sie nimmt die Karte mit meinem Namen und bedankt sich mit einem für diese kurze Fahrt üppigen Trinkgeld. So was macht Spaß - netter Fahrgast und ein Hund im Auto..-))


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Ein anderer Tag, ein anderer Fahrgasttyp. Der Mann Mitte 40, aus einer wohlhabenden Wohngegend in Reinbek, muß zum Flughafen. Beim Einsteigen meint er:
  • "Meine Frau kommt gleich in ihrem Auto. Halten Sie doch dann bitte nochmal an."
Kurz darauf kommt uns ein Mercedes-SUV entgegen. Blonde, lockige Haare leuchten mir entgegen. Er steigt aus, spricht kurz mit ihr. Dann geht´s weiter. Wir sind gerade 10 Minuten unterwegs, als sein Handy klingelt.
  • "Ja?! - Natürlich.. Ja, ich kann das gut verstehen.."
Dann folgen gut 3 Minuten, in denen er nur zuhört. Als er zum ersten Mal wieder spricht, entwickelt sich ein Streitgespräch, das in seiner Heftigkeit nur durch eines gebremst wird: meine Anwesenheit. Ich merke schnell, daß es sich bei seinem Gesprächspartner um seine Frau handelt. Aus seinen Erwiderungen geht hervor, daß sie offenbar am Vortag einen heftigen Zwist gehabt haben müssen. 

Irgendwann fängt er an, mir leid zu tun. Sie bombardiert ihn ungehindert mit Vorwürfen und er kann sich nicht recht wehren, denn er ist nicht allein. Ein mieses Spiel, was seine Frau da treibt. Denn sie weiß ja, daß er im Taxi sitzt und nicht offen sprechen kann. 

Das Gespräch endet mit einem unmißverständlichen
  • "Ich kann diese Vorwürfe von dir nicht mehr ertragen...!!!"
Hier ist wohl schon seit Längerem viel Porzellan zerschlagen worden. Und wie er klingt, wackelt da gerade auch die letzte Tasse im Schrank!

Kaum ist das Gespräch beendet, fängt er an in sein Handy zu tippen. Minuten vergehen. Er sagt nichts, ich sage nichts. Dann klingelt es erneut.
  • "Ja? Ich schreibe dir gerade eine lange SMS...!"
Und wieder folgt ein Wortschwall, dem er kaum etwas entgegensetzen kann, ohne daß ich tiefer in seine privaten Angelegenheiten eingeweiht werde. 
  • "Ich rufe dich dazu nachher mal an. Jetzt sitze ich noch im Taxi...!"
Sein Versuch, das Gespräch für´s Erste zu beenden. Allerdings merke ich in folgenden Minuten eine leichte Entspannung der Lage. Offenbar hat die lockige Blondine ihr Pulver verschossen. Am Ende tauschen wohl beide noch eine versöhnliche Floskel aus, dann ist wieder Ruhe. 

Dieses war ein Situation, in der ich am liebsten ausgestiegen wäre, denn private Streitigkeiten gehören nicht zu den Dingen, die ich von Fremden mitbekommen möchte. Aber das war in diesem Fall unvermeidbar. "Curly Sue" hat wohl die Situation kühl berechnend ausgenutzt und mit ihm ordentlich abgerechnet, während er durch mein Zuhören zur Zurückhaltung gezwungen war. 

Gute Charakterzüge sehen anders aus, Blondchen..!